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Gedanken unsere Stadtarchivarin anlässlich des nahenden Holocaust-Gedenktages am 27. Januar 2026

Zwangsarbeit in Plettenberg

Stellen Sie sich vor, Ihre Söhne und Brüder sind kaum 17 Jahre alt und werden plötzlich als Kriegsgefangene von fremden Eroberern entführt. Ja, hier lässt sich durchaus von einer “Entführung“ sprechen. Halbe Kinder werden wie Tiere in Zugwaggons gepfercht und aus ihrer Heimat in der Ukraine an der Grenze zu Russland fortgeschafft, direkt nach Plettenberg.
Dort angekommen, brauchen die Unternehmer der Plettenberger Fabriken und Firmen nur auszuwählen. Der Vergleich mit einer Landwirtschaftsausstellung, wo Vieh dargeboten wird, drängt sich einem unweigerlich auf.
Sind die Jugendlichen dann ihrem neuen „Arbeitgeber“ zugeteilt, ergibt sich für sie ein existenzgefährdendes Problem: die Rassenideologie. Slawische Bevölkerungsgruppen gelten in der nationalsozialistischen Rassenideologie als minderwertig und werden als sogenannte „Untermenschen“ diffamiert. In ihren Augen sind sie zur Ausbeutung und Zwangsarbeit bestimmt. Es wird die Meinung gestreut: „Wenn einer kaputtgeht, kriegen wir bald einen neuen. Wo die herkommen, gibt es genug.“ 
Worüber wir heute nur noch die Köpfe schütteln können, war vor weniger als hundert Jahren grausame Realität.

Nun waren sie also hier, diese Halberwachsenen aus fernen Ländern, fort von ihren weinenden Müttern und Familien, ohne Aussicht auf ein nahes Wiedersehen. Briefverkehr und das Empfangen von Päckchen oder gar Lebensmitteln war für slawische Gefangene verboten. Durch die Ideologie wie „Untermenschen“ behandelt und zu körperlicher Schwerstarbeit gezwungen, die mit erheblichen gesundheitlichen Risiken für ihre noch nicht ausgewachsenen Körper verbunden war, erhielten sie nur unzureichende Ernährung. Der Mangel an Nährstoffen schwächte sie zusätzlich; Unterernährung und körperlicher Verfall waren weit verbreitet, nicht selten mit tödlichen Folgen.

Einzelne Zwangsarbeiter wurden bisweilen auch in der Landwirtschaft eingesetzt, was im Vergleich zu industriellen Arbeitskommandos mitunter geringfügig bessere Bedingungen bedeuten konnte. Dennoch unterlagen auch die Landwirte einer strengen Kontrolle durch das nationalsozialistische Regime. Selbst bei privaten Arbeitgebern wurde darauf geachtet, dass die Betroffenen sozial strikt ausgegrenzt blieben: Gemeinsame Mahlzeiten mit der deutschen Familie an demselben Tisch waren verboten, die Unterbringung und Verpflegung bewusst getrennt und entwürdigend geregelt.

Die Zwangsarbeit stellte auch die heimischen Fabrikarbeiter vor große Herausforderungen, da sie die jungen, unfreiwilligen Mitarbeiter einarbeiten und an die Maschinen heranführen mussten. Die schwere Arbeit durfte nicht unterbrochen werden, weshalb manche Arbeiter den Jugendlichen Brote schmierten, damit sie die Strapazen durchstehen konnten. Zeitzeugenberichte zeigen, dass auch hiesige Fabrikarbeiter mitunter in den jungen Gefangenen das sahen, was wir heute noch auf den alten Fotos erkennen: hungrige Kinder.

Nach Ende des Krieges kehrten die Überlebenden endlich heim. Doch die erhoffte Rückkehr in Freiheit und Sicherheit blieb vielen verwehrt. Diejenigen, die die Zwangsarbeit überlebt hatten, wurden oft als Kollaborateure stigmatisiert. Arbeitsmarkt und Rentensysteme verschlossen sich ihnen, und sie erfuhren in ihrer Heimat erneut Ausgrenzung und Diskriminierung, obwohl sie völlig unschuldig waren.

Heute denkt kaum noch einer an die „heimatlosen Ungeliebten“, die weder in der Fremde noch in ihrem eigenen Land willkommen waren. Lassen Sie uns daher am 27. Januar ihrer gedenken und uns daran erinnern, was es bedeutet, Mensch zu sein.

Der Mensch ist von Grund auf gut, heißt es. Damit wir diesen Satz wieder glauben können, möge jeder von uns seinen Teil dazu beitragen und hinter einem unbekannten Gesicht ein Universum an Gefühlen und Geschichten sehen.

Einen ganz einzigartigen und nicht zu ersetzenden Menschen.

So wie Sie und ich.

Autorin: Alexandra Haber (Stadtarchivarin)
Quelle: Plettenberger Zwangsarbeiterkartei (Stadtarchiv) & persönlicher Bericht des Plettenbergers Eckardt Brockhaus