Starker Haken: Der "Kugelhals" aus Himmelmert

Geschäftsführer Philipp-André Klever mit einem Modell der Mercedes C-Klasse für die man den "Kugelhals" produziert.
Nachbearbeitung eines "Kugelhalses" mit der Flex.

Plettenberg ist eine Schmiede-Stadt. Gut 30 Schmiedebetriebe gab es nach dem Zweiten Weltkrieg auf Plettenberger Boden.

Die Gesenkschmiede Wilhelm Schulte-Wiese in Himmelmert blickt auf eine langjährige Firmentradition zurück. Im Jahre 1957 gegründet, verarbeitet der Betrieb heute jährlich rund 3.000 Tonnen Stahl auf fünf Hammer-Anlagen, die im Zwei-Schicht-Betrieb fertigen. Produziert wird hauptsächlich für den Bergbau, die Bahntechnik, Maschinenbau sowie für Nutzfahrzeug- und Landmaschinentechnik.

Gerade im Bergbau werden zahlreiche Schmiedeteile aus Himmelmerter Produktion eingesetzt, deren Anfertigung schmiedetechnisches KnowHow und vor allem Energie erfordert. So genannte „Mitnehmer" oder „Kratzer", die weltweit unter Tage in gewaltigen Ketten-Förderanlagen erfolgreich eingesetzt werden, verlassen die Gesenkschmiede in Plettenberg und treten ihre lange Reise unter anderem bis nach Australien an.
Unser „Produkt des Monats“ findet sich jedoch in der Regel nicht tief unter Erde in irgendeinem Kohlenschacht, sondern an einem Pkw. Und zwar hinten. Unten.

„Kugelhals" – das ist keine beunruhigende Diagnose beim HNO-Arzt, sondern unser „Produkt des Monats“ aus Plettenberg.
Die Anhängerkupplung der Mercedes C-Klasse, um die es hier geht, nennt sich im Fachjargon „Kugelhals" und wird bei Schulte-Wiese in insgesamt vier Formstufen geschmiedet, wie Geschäftsführer Philipp-André Klever erklärt: „Im ersten Schritt wird das Ausgangsmaterial auf die richtige Länge gekürzt und anschließend induktiv erhitzt. Mit einer Reckwalze wird das Material anschließend zunächst verjüngt, geht dann in eine Biegeopration, bevor die erste Hammerstufe folgt."

Prange-Gruppe sicherte Zukunft von heute 70 Mitarbeitern

Am Anfang des Schmiedeprozesses. Das Material wurde induktiv erhitzt.
Das fertige Schmiedeteil vor der Nachbearbeitung.

Anhängerkupplungen gibt es viele – starr verbaute, abnehmbare und welche, die bei Nichtgebrauch einfach nach unten weggeklappt werden können. Der Kugelhals für die C-Klasse ist so ein raffiniertes Bauteil, das im Alltag nicht auffällt, bei Bedarf aber in Sekunden  hervor geholt werden kann und einsatzbereit ist. Besonderer Clou dieser speziellen Kupplung: Die Aussparung der 12-Volt-Steckdose für den Anhängerbetrieb ist bereits im Schmiedeteil berücksichtigt und wird später mitsamt der Kupplung ein- und ausgeklappt. Besondere Herausforderung für den Plettenberger Gesenkschmiedebetrieb war es hierbei, die relativ dünnwandige Passage im Bereich der Steckdose so zu produzieren, dass sie später allen Anforderungen und Belastungstests standhält.

Die Entwicklung eines solch komplizierten Schmiedeteils erfolgt heute am Computer. Im CAD-Programm wird das Produkt mit allen späteren Ecken, Kanten und Winkeln gezeichnet. Mit der Software „Simufact.forming" kann der eigentliche Schmiedeprozess, für den „am Hammer" in der Realität jede Menge Energie und viel KnowHow gefragt sind, bereits vorab im Computer simuliert werden. „Mögliche Fehlerquellen können so schon vor Produktionsbeginn ausgeschlossen werden", erklärt Geschäftsführer Klever.

Vor einer ungewissen Zukunft stand das traditionsreiche Plettenberger Unternehmen Schulte-Wiese im Januar 2013, nachdem Gesellschafter Hartmut Schulte-Wiese unerwartet verstarb. Nach dessen Tod hatte sich die Familie entschlossen, die Verantwortung für das Unternehmen in andere Hände zu geben. So wurde im März 2013 die traditionsreiche Gesenkschmiede von der „MVB Beteiligungen AG" übernommen, die Teil der Plettenberger Prange-Gruppe ist. Die Zukunft der heute 70 Mitarbeiter am Standort Himmelmert war gesichert.

Der „Kugelhals" ist im Vergleich zu anderen Schulte-Wiese-Produkten nur ein „kleiner Fisch" –  25.000 Stück produziert die Schmiede davon im Jahr. Im Vergleich: Produkte wie die „Mitnehmer" und zugehörige Bauteile für den Bergbau verlassen den Betrieb jährlich zwar in ähnlichen Stückzahlen, sind dafür aber bis zu 10 mal schwerer.

Dennoch ist der „Kugelhals" aus Himmelmert dank des KnowHows, dass in ihm steckt ein echtes Glanzstück Plettenberger Schmiedetechnik.
Und spätestens dann, wenn man auf der nächsten Urlaubsreise einem Wohnwagen folgt, der von einer C-Klasse den Brenner-Pass heraufgewuchtet wird, darf man sich darüber freuen, dass der „Kugelhals“ aus Plettenberg trotz seiner filigranen Erscheinung ein so stabiles Bürschen ist.

Gut zu wissen, dass der Caravan fest mit dem Zugfahrzeug verbunden ist.
Quelle: hymer.com

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